05.11.2009

von Grilleau @ Donnerstag, Nov. 05, 2009 23:12:49

Die Hartz-Gesetze stellen eine Art »Verfolgungsbetreuung« dar. Sie sind wichtiges Element beim Aufbau eines autoritären Staates. Ein Gespräch mit Reinhold Bianchi. Interview: Gitta Düperthal, junge Welt.

Berufstätigkeit ist für Menschen ein wichtiges Element, um im Alltag Selbstbewußtsein zu entwickeln und soziale Bindungen aufzubauen. In Niedriglohnjobs arbeitende Menschen werden aber häufig krank machenden Arbeitsbedingungen unterworfen. Nach Verlauf der Probezeit wird oft gekündigt. Bei der Arbeitsagentur herrscht das Interesse, Klienten möglichst schnell wieder in Arbeit zu bringen. Das bedeutet meist, daß Arbeitsbedingungen und Bezahlung beim nächsten Job noch schlechter werden. Zumutbar ist alles, heißt die Devise. Wie schätzen Sie die psychischen Folgen ein?

Diese Abwärtsspirale beinhaltet im wesentlichen Entwertungs- und Ausgrenzungserfahrungen, die Depressionen und Verzweiflung hervorrufen. Ein rigider bürokratischer Apparat behandelt die Betroffenen als Last, die möglichst rasch weggeschoben werden muß. Das verabsolutierte Kostensenkungsprinzip geht zu Lasten der Menschen und ihrer Würde. Die Aufhebung der Zumutbarkeitsgrenzen verschärft den »Gewaltakt Arbeitslosigkeit« für die Betroffenen. Sie erfahren eine psychisch und materiell sehr destruktive Entwertung ihrer Bildung und beruflichen Leistung, die für das Selbstwert- und Identitätsgefühl relevant sind.

Was sagen Sie zur These, daß die Hartz-Gesetze auf Kontrolle, Sanktionierung, Aushungern und den autoritären Staat setzen?

Ja, das sehe ich ganz genau so; die Bestrebungen zu einem autoritären Staat sind ja umfassend. Die Hartz-Gesetze stellen eine Art »Verfolgungsbetreuung« dar, die der Einschüchterung, Disziplinierung und Entmündigung der Betroffenen dient. Damit sollen sie ein wichtiges Element beim Aufbau eines autoritären Staats bilden, mit dem sich die Machteliten für ihre aggressiven Aktionen nach innen und außen fit machen und gegen Krisenreaktionen von unten absichern wollen.

Wer hat ein Interesse daran, die gesellschaftliche Diskreditierung einer Vielzahl von Menschen aufrechtzuerhalten?

Ein Interesse an der gesellschaftlichen Diskreditierung ganzer Bevölkerungsgruppen haben natürlich die neoliberalen Eliten in Wirtschaft, Politik und Medien. Sie profitieren von der sozialen Spaltung, die die Gewinne exorbitant steigert und die sozial Schwächeren dafür bezahlen läßt. Die Diskreditierung ist ein indirektes, sozial und psychisch brutales Herrschaftsmittel.

Welche Möglichkeiten hat der einzelne, sich dieser Zwangslage zu entziehen?

Die zentrale Grundlage, um das Selbst der Hartz-IV-Opfer vor Depressionen zu schützen, besteht im Abbau der induzierten Scham- und Schuldgefühle, die den Betroffenen vermittelt werden. Sie brauchen ein Bewußtsein, daß sie die Opfer derjenigen sind, die eine soziale Spaltung immer weiter treiben und die ständige Begünstigung von Großkonzernen durch Abbau der Sozialleistungen finanzieren. Hilfreich ist es auch, sich vor Isolation zu schützen und den solidarischen Kontakt zu anderen Betroffenen und sozial engagierten Gruppen zu suchen. Dadurch kann die Gefahr vermindert werden, daß die Opfer ihre Frustration auf die eigene Familie abladen und damit ihre persönliche Not nur noch vergrößern.

Reinhold Bianchi ist Psychoanalytiker und Ko-Autor des Buches »Solidarisch Mensch werden — psychische und soziale Destruktion im Neoliberalismus und Wege zu ihrer Überwindung« (VSA).

Quelle Klick

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